Geschichte

Der Trägerverein

Der Rheinische Waisenfürsorgeverein e.V. Köln verdankt seine Entstehung der Reichsfechtschule, die am 13. Oktober 1880 in Magdeburg gegründet wurde. Die Idee von der Gründung eines Reichsverbandes „zum Zwecke der Waisenpflege“ fand damals in der Bevölkerung so großen Anklang, dass es bald nötig wurde, Untergruppen in Form von Landesverbänden zu bilden.

Nach Magdeburg, Berlin, Halberstadt, Halle und Hamburg wurde bereits acht Jahre später, am 23. November 1888 in Köln der Verband Rheinland zum Zwecke der Waisenpflege e.V. gegründet, denen dann noch die Verbände von Lübeck, München, Naumburg, Nürnberg und Regensburg folgten. Im Jahre 1934 wurden alle Verbände durch die nationalsozialistische Gesetzgebung aufgelöst. Die Heime blieben als selbstständige Einrichtungen bestehen und wurden als solche vom bisherigen Vorstand vertreten.

Im Jahre 1949 wurde der Verein wieder gegründet, gab sich eine neue Satzung und wurde unter dem Namen Rheinischer Waisenfürsorgeverein, eingetragenerer Verein, früher: Verband Rheinland der Deutschen Reichsfechtschule, Wohltätigkeitsverein zum Zwecke der Waisenpflege e.V. in das Vereinsregister in Köln eingetragen.

UrkundeDie eigenartige Bezeichnung Reichsfechtschule bedarf einer näheren Erklärung. Ihre Ziele und Erfolge verdienen eine ausführliche Würdigung.

Im Jahre 1930 erschien aus Anlass der fünfzigjährigen Bestehens die umfangreiche Festschrift Waisenpflege und Kinderfürsorge im Laufe der Jahrhunderte, Berlin 1930, der nachfolgende Ausführungen entnommen wurden.

Die Deutsche Reichsfechtschule wurde gegründet am 13. Oktober 1880 auf dem Gesellschaftsabend des Stadtfelder Pfeifen-Clubs in Magdeburg, einer geselligen Vereinigung gleichgesinnter Familien, welche sich wöchentlich trafen und beim Vorlesen, Musizieren usw. Unterhaltung suchten. Ein Mitglied dieses Clubs berichtete, dass in Berlin im Jahre 1879 ein „Verein der Sammler von Zigarrenabschnitten“ aus dem Erlös der gesammelten Abschnitte, welche zu Schnupftabak verarbeitet wurden, dreißig arme Waisenkinder beschenkt habe und dass der Verein innerhalb der letzten neun Jahre auf diese Weise 200 Waisenkinder völlig neu einkleidete.

Es wurde beschlossen, ebenfalls einen solchen Verein zu gründen und ihn auf das ganze Reichsgebiet auszudehnen. Durch das Sammeln freiwilliger Beiträge aller Art (Zigarrenabschnitte, Briefmarken, Spenden und Mitgliedsbeiträge) und zwar „nur aus Kreisen fröhlicher Leute“, sollten die Mitglieder nach Handwerksburschenart „fechten“. Um dem Verein einen humoristischen Anstrich zu geben, wählte man den Namen „Deutsche Reichsfechtschule“.

Die neuen Gründungsmitglieder mit einem Kassenbestand von 9,72 Goldmark konnten nicht ahnen, auf welch’ fruchtbaren Boden diese Idee stoßen sollte. Bereits nach zwei Monaten betrug die Zahl der Mitglieder 1.226 und ein halbes Jahr später waren bereits 12.150 Mitgliedskarten ausgegeben. Nach zwei ein halb Jahren betrug das Vereinsvermögen mehr als 108.000,- Goldmark und in den ersten 10 Jahren wurden fast 1 Million Mark zusammengetragen. Beim 25jährigen Jubiläum hatte der Verein ein Vermögen von 2.096.491,- Goldmark, welches sich bis zum Kriegsausbruch 1914 noch um eine halbe Million steigerte. Nach der heutigen Währung dürfte dies einem Betrag von 10 - 12 Millionen Euro gleichkommen.

Für dieses – heute für uns kaum vorstellbare – Ergebnis werden in der Festschrift drei Gründe angegeben: 1. Die Einigung der deutschen Stämme und die Reichsgründung riefen eine Hochstimmung und Begeisterung hervor, welche das ganze Volk erfüllte. 2. An diesem sich dauernd mehrenden Wohlstand sollten auch die Armen, die Witwen und Waisen teilhaben. 3. Das Leben der Kinder in den Waisenhäusern war so deprimierend, dass eine neue Form der Heimerziehung dringend notwendig erschien. Es sollte eine Reform werden, die darin bestand, dass ein Elternpaar die Leitung übernehmen und die Kinder im Heim wie in einer kinderreichen Familie aufwachsen sollten. Die Anstaltskleidung sollte abgeschafft werden und die Kinder die öffentlichen Schulen besuchen dürfen. Eine rege Verbindung zur Außenwelt sollte den Kindern das Gefühl des Verstoßenseins und der Absonderung nehmen.

Das Waisenheim

Auch im Rheinland fiel die Idee, ein Waisenhaus dieser Art zu bauen, auf sehr fruchtbaren Boden. Von Aachen bis Koblenz hatten sich zu beiden Seiten des Rheins Fechtschulen gebildet. Diese schlossen sich am 23. November 1888 zu einem Verband Rheinland mit Sitz in Köln zusammen. Anfang des neuen Jahrhunderts wurde in Bad Niederbreisig ein 83 ha großes Grundstück zum Preise von 6.216,44 Goldmark erworben und bald mit dem Bau begonnen.

Am 27. April 1904 fand die feierliche Grundsteinlegung statt, am 9. Juli 1905 erfolgte die feierliche Einweihung.

25 Jungen und Mädchen bezogen am 1. Oktober 1905 das neue Heim.Kinderheim in Bad Niederbreisig

In den ersten 25 Jahren haben im Heim 245 Kinder Aufnahme gefunden. Die Verweildauer betrug durchschnittlich zehn Jahre, d.h. die meisten Kinder waren vom vierten bis zum 14. Lebensjahr im Heim. Aus der Statistik ist zu entnehmen, dass 85 Kinder das Heim vor der Schulentlassung verließen und fünf Kinder gestorben sind.

Die 125 Kinder, welche bis zur Schulentlassung im Heim verblieben, erlernten folgende Berufe:

und die restlichen 8 wurden als Angestellte, Beamte oder im freien Beruf tätig.

Von den Mädchen wurden

Eine Berufstätigkeit der Frau außerhalb der Familie wurde selten angestrebt.
Die restlichen 30 Kinder befanden sich zum Zeitpunkt der Statistik im Heim.

Über die weitere Geschichte des Waisenheimes in Bad Niederbreisig nach der glanzvollen Feier des fünfzigjährigen Bestehens der Reichsfechtschule im Jahr 1930 liegen schriftliche Aufzeichnungen nicht mehr vor.

Die nachfolgenden Ausführungen stützen sich auf die Berichte und Verhandlungen mit Herrn Direktor Mannebach, dem damaligen Vorsitzenden des Rheinischen Waisenfürsorgevereins (RWFV) (1945-1964), auf die Erfahrungen von Herrn Josef Abeln als Direktor der Wohlfahrtswaisenpflege der Stadt Köln (1948-1971), als Vorsitzender des RWFV (1964-1971) und als Geschäftsführer des RWFV (1971- ), weiter auf die mündlichen Berichte und Auskünfte von Frau Else Mannebach und die eigenen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus (1933-1945).

Der Machtübernahme der Regierungsgewalt im deutschen Reich durch Adolf Hitler am 30. Januar 1933 folgte eine gesellschaftliche Umstrukturierung unvorstellbaren Ausmaßes. Auf allen Gebieten begann die so genannte „Gleichschaltung“. Sämtliche Vereine und Verbände wurden in eine der Gliederungen der Partei integriert oder aufgelöst. Dies traf vor allem die kirchlichen und sonstigen nicht staatlichen Einrichtungen; die staatlichen und kommunalen Einrichtungen wurden gefördert, die konfessionellen bekämpft oder geschlossen. Dies traf auch den Paritätischen Wohlfahrtsverband, dem das Waisenheim angehörte, und die Reichsfechtschule. Das Kinderheim als solches blieb jedoch bestehen. Der Heimleiter musste in die Partei eintreten, die Betreuung der Kinder übernahm die NSV (Nationalsozialistische Volksfürsorge). Nach den Aussagen von Frau Mannbach wurden die Kinder jedoch auch im Kriege von der NSV gut versorgt.

Eine völlig neue Situation trat ein, als sich die Amerikaner, welche im Juni 1944 den Ärmelkanal überquert hatten, im März 1945 dem Rhein näherten und bei Remagen den Rhein überschritten. In aller Eile musste das Heim geräumt und die Kinder den zuständigen Jugendämtern übergeben werden. Das Heim wurde beschlagnahmt, für militärische Zwecke verwandt und später den Franzosen übergeben. Die Verbindung zum Vorstand in Köln war durch die Zonengrenze unterbrochen. Als es Herrn Mannebach schließlich gelang, Verbindung mit der Besatzungsmacht aufzunehmen, weigerten sich die Franzosen, das Heim frei zu geben, weil sie die Reichsfechtschule als eine militärische Einrichtung betrachteten.

Nach dem Krieg

AntretenIn dieser verzweifelten Situation wandte sich Herr Mannebach an die Stadt Köln und bot ihr das Heim und den gesamten Besitz als Geschenk an. Er glaubte, dass eine Behörde eher Einfluss auf die Besatzungsmacht haben würde. Der Beamte des Liegenschaftsamtes lehnte die Schenkung jedoch ab mit dem Hinweis, Herr Mannebach möge zunächst die Freigabe des Heimes von den Franzosen erreichen, dann könne man über die Schenkung verhandeln. Nach langen Verhandlungen und Bemühungen gelang ihm dies am Anfang des Jahres 1949.

Aber wie sah das Heim aus! Die Wände waren verschmiert, die Möbel zerstört, die Parkettfußböden durch die genagelten Soldatenstiefel beschädigt. Für die notwendigen Reparaturen benötigte man viel Geld, was nicht vorhanden war. Ebenso schwer war es, Material und Handwerker zu bekommen, die für Geld arbeiten wollten. Herr Mannebach schaffte dies jedoch in kurzer Zeit.

MittagessenNun wandte er sich erneut an die Stadt Köln und wurde auf Empfehlung der stadtverordneten, Frau Sibylle Hartmann, der Vorsitzenden des Jugendwohlfahrtsausschusses, an den Direktor der Wohlfahrtswaisenpflege Herrn Abeln verwiesen. Die Wohlfahrtswaisenpflege der Stadt Köln - eine Einrichtung, wie sie keine andere Stadt in Deutschland besaß - hatte die Aufgabe, alle obdachlosen oder heimbedürftigen Kinder und Jugendlichen der Stadt Köln, welche kein Elternhaus hatten oder dort nicht verbleiben konnten, aufzunehmen, unterzubringen und wirtschaftlich und pädagogisch zu betreuen und die Betreuung zu überwachen. Am 1. April 1948 betrug die Zahl der betreuten Kinder und Jugendlichen 1996. Da aber immer mehr Kölner Bürger aus der Evakuierung zurück kehrten, für sich selbst zwar eine Unterkunft fanden, aber die Kinder nicht unterbringen konnten, mussten ab 1949 jährlich in der Regel 1600 Kinder und Jugendliche aufgenommen werden. Wenn auch ein großer Teil im Laufe des Jahres wieder entlassen werden konnte, so blieb es doch bei einer dauernd zunehmenden Zahl von Heimkindern. Nach den damaligen gesetzlichen Bestimmungen musste bei der Unterbringung auf die Konfession der Kinder Rücksicht genommen werden. Im Kinderheim Niederbreisig wurden Kinder jeder Konfession aufgenommen. Für die Wohlfahrtswaisenpflege war das eine Erleichterung.

SchlafsaalIn Niederbreisig kam es jedoch fast zu einem kleinen „Kulturkampf“, als sich auf Intervention einiger Eltern die katholische Schule weigerte, evangelische Kinder aufzunehmen. Ein Besuch der evangelischen Schule in Burg Brohl war wegen der weiten Entfernung und der geringen Verkehrsmöglichkeiten nicht möglich. Nach mehreren Verhandlungen mit dem Schulleiter, dem katholischen Pfarrer, dem Bürgermeister und dem evangelischen Pfarrer in Burg Brohl wurden dann in der katholischen Volksschule zwei Räume für die evangelischen Kinder zur Verfügung gestellt und zwei evangelische Lehrer eingestellt. Das wirkte sich jedoch für die Belegung des Heimes insofern erschwerend aus, als nun dafür gesorgt werden musste, die Grundschul- und Oberklassen der Messzahl entsprechend zu belegen, weil sonst die Gefahr bestand, dass die eine oder andere Klasse vom Schulamt geschlossen wurde.

Ausfahrt aufs FeldTrotz des guten Anlaufs wurde die Situation für das Kinderheim immer schwieriger. Vor allem die Personalsituation war nicht zu lösen. Es mangelte an ausgebildeten pädagogischen und hauswirtschaftlichen Kräften. Schied eine Kindergärtnerin aus, war es kaum möglich, einen gleichwertigen Ersatz zu finden. Der Mangel an Hauspersonal führte zu einer Überforderung der Wirtschaftsleiterin Fräulein Bingler und der Erzieherinnen, die mit hauswirtschaftlichen Arbeiten überlastet waren. Am schlimmsten wirkte sich das Versagen der ungelernten Köchin aus. Zwar wurde sie bei jedem Besuch erneut ermahnt, die Mängel abzustellen, aber das alles half nichts. So bliebe s nicht aus, dass sich die Eltern der Kinder immer mehr über die mangelhafte Pflege der Bekleidung und Wäsche der Kinder beschwerten und auch entsetzt waren über die einseitige Ernährung. Nach den Hungerjahren 1945 bis 1948 reagierten alle Bundesbürger hierauf sehr allergisch.

TischtennisspielenAus diesem Grunde machten einige Damen des Kölner Jugendwohlfahrtausschusses unangemeldet und überraschend einen Besuch im Kinderheim und fanden die Klagen der Eltern berechtigt. Es erging daher ein Beschluss, dass die Kinder aus dem Kinderheim Niederbreisig sofort in andere Kinderheime zu verlegen seien.

SeilspringenNach dem Ausscheiden des Heimleiters, Herrn Geiger, versuchte Herr Mannebach mit einem neuen Heimleiter, Herrn Melech, das Heim wieder auf die Höhe zu bringen. Aber auch dies scheiterte an den mangelhaften pädagogischen Fähigkeiten dieses Mannes, obwohl er die Land- und Viehwirtschaft in Ordnung brachte und die wirtschaftliche Situation des Heimes festigte. Nachdem auch dieser Versuch gescheitert war, verpachtete der Vorstand das Heim an die Nothelfergemeinschaft Frankfurt, die es als Kinderheim weiterführte. Aber auch sie scheiterte, und so wurde das Heim auf Anordnung der Regierung Koblenz zum 31. Dezember 1963 endgültig geschlossen.

Neue Wege

Mit dem 1. Januar 1964 begann ein völlig neues Kapitel der Vereinsgeschichte.

Die Schließung des Heimes in Bad Niederbreisig hatte für den Verein schwerwiegende Folgen. Der in § 2 der Satzung festgelegte Vereinszweck, „die Unterhaltung des Waisenheimes in Bad Niederbreisig“, konnten nicht mehr erfüllt werden. Für die Mitglieder hatte es keinen Sinn mehr, Beiträge zu zahlen oder sich für Spenden und Schenkungen einzusetzen.

Das Haus bedurfte dringend der Reparatur, wenn die Substanz erhalten werden sollte. Das Dach war beschädigt und es regnete an mehreren, kritischen Stellen durch. Die sechzig Jahre alten Installationsleitungen waren verrostet. Die Reparaturkosten wurden auf 250.000 DM geschätzt. Doch das Geld war nicht vorhanden.

Zudem, was nützte es, das Haus wieder instand zu setzen, wenn das Kinderheim nicht wieder eröffnet werden konnte. Hierzu bestand keine Aussicht, selbst wenn die früheren Schwierigkeiten hätten behoben werden können. Die Lage des Heimes zwischen der Bundesbahn und der Bundesstraße 9 war inzwischen für ein Kinderheim untragbar und unverantwortlich geworden. Täglich rollten auf der Rückseite des Hauses 129 Züge vorbei und der Verkehr auf der Bundesstraße war so rasant gewachsen, dass eine Überquerung der Straße nicht mehr möglich und der Schulweg der Kinder lebensgefährlich geworden war. (Später wurde die B 9 für Fußgänger untertunnelt.)

In dieser verzweifelten Situation wandte sich Herr Mannbach erneut an Herrn Abeln, den Direktor der Wohlfahrtswaisenpflege der Stadt Köln, weil er glaubte, dass dieser in der Lage sein, das Vermögen des Vereins der Satzung entsprechend für Heimkinder zu verwenden, und bat ihn, den Vorsitz im Verein zu übernehmen.

Wegen der beruflichen Überforderung - die Zahl der von ihm zu betreuenden Heimkinder und Jugendlicher war inzwischen auf 3.600 angewachsen - konnte dieser sich aber nur schwer entschließen, das ehrenvolle Amt anzunehmen. Um aber Herrn Mannebach eine zweite Enttäuschung mit einem Beamten der Stadt Köln zu ersparen, erklärte er sich schließlich bereit, den Vorsitz zu übernehmen, wenn Herr Mannebach bereit wäre, weiter aktiv im Vorstand mit zu wirken.

Nach dieser Absprache war eiliges Handeln geboten, denn das Heim war ab dem 1. Januar ohne Bewohner und somit in Gefahr, noch weiter verwüstet zu werden.

Eine Bestandsaufnahme der vordringlichen Aufgaben ergab folgendes Bild:

1. Da infolge der geschilderten schwierigen Verhältnisse der letzten Jahre versäumt worden war, satzungs- und fristgemäß einen neuen Vorstand zu wählen, gab es keine rechtmäßige Vertretung des Vereins mehr. Vom Vereinsgericht wurde ein Notvorstand bestellt, der die Aufgabe hatten, eine außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen und einen neuen Vorstand zu wählen.

2. Infolge der Auflösung des Kinderheimes Niederbreisig und der nicht mehr bestehenden Reichsfechtschule war die Satzung aus dem Jahre 1949 überholt. Neben der eigentlichen Vereinssatzung enthielt sie auch eine Geschäftsanweisung für die sieben Vorstandsmitglieder und eine Dienstanweisung für den Heimleiter. Diese waren jedoch nicht in separaten Abschnitten enthalten, sondern in die gesamte Satzung eingearbeitet.

3. Das leer stehende Haus musste gesichert und das Dach dringend behelfsmäßig repariert werden.

4. Es war notwendig, möglichst bald eine andere Verwendung für das Heim zu finden.

Die außerordentliche Mitgliederversammlung wurde für den 16.2.1964 einberufen und folgende Herren in den Vorstand gewählt:

In der anschließenden Mitgliederversammlung wurde unter anderem eine neue Satzung eingebracht und einstimmig angenommen. Die Eintragung in das Vereinsregister erfolgte am 9. Juli 1964. Diese Satzung wurde in der Mitgliederversammlung am 16.9.1977 dahingehend geändert, dass das Vereinsvermögen bei Auflösung des Vereins nicht mehr der Stadt Köln anheim fällt, sondern dem Landesverband NW des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, dessen Mitglied der RWFV ist.

Das Heim wurde gesichert und ein Nachbar erklärte sich bereit, die Aufsicht zu übernehmen.

Nachdem die dringendsten Dachreparaturen durchgeführt waren, wurde das Heim geräumt. Das Inventar - soweit es noch gebraucht erden konnte - die Vorräte an Wäsche, Bekleidung, Küchengeräte und Spielsachen wurden an das evangelische Schnellersche Kinderheim in Vettelhofen gegeben.

Um die Substand des Hauses zu erhalten und das Heim einem sinnvollen Zweck zuzuführen, wurden folgende Versuche unternommen:

Nachdem all diese Bemühungen gescheitert waren, beschloss der Vorstand, die gesamten Liegenschaften der Gemeinde Niederbreisig anzubieten, weil inzwischen bekannt geworden war, dass ein neues Kurviertel geplant und an der Bundesstraße 9 drei Hochhäuser errichtet werden sollten. Als Kaufpreis wurde 1.100.000 DM als angemessen angesehen. Herr Bürgermeister Klein zeigte großes Interesse, aber der Gemeinderat lehnte das zu hohe Risiko ab.

So musste der Abbruch des Gebäudes in Erwägung gezogen werden, der ca. 60.000 DM kosten sollte. Inzwischen hatte die Gemeinde auf die Unfallgefahren hingewiesen, denen im Gelände spielende Kinder ausgesetzt waren. Das Spielen der Kinder war nicht zu verhindern.

Bevor es jedoch zum Abbruch kam, zeigte sich der Drogeriewaren-Großhändler, Herr Scheffler aus Koblenz, am Kauf des Hauses interessiert, um es als Magazin und Warenlager zu Verwenden. Es kam zum Verkauf des Grundstückteiles zwischen der Bundesstraße 9 und der Gartenstraße, die quer durch das Anwesen verläuft. Auf diesem Teil befanden sich das Gebäude dies Kinderheimes, die Stallungen und der Geräteschuppen.

Der Kaufpreis von 30 DM pro qm erschien angemessen, zumal die Kosten für den Abbruch entfielen. Die restlichen Grundstücke wurden verkauft: and ei Gemeinde für den Neubau eine Schule, an den Kreis Ahrweiler für den Bau der Auffahrt zur Kreisstraße 47, der Verbindung zur Bundesautobahn, und an Herrn Scheffler jun. zum Bau eines Wohnhauses.

Die zur Kiesausbeutung freigegebenen Grundstücke erwarb die Firma Klee, die ausgebeutete Kiesgrube die Firma Schmickler und das landwirtschaftlich zu nutzende Gelände der Landwirt Kurp aus Niederbreisig.

Damit waren sämtliche Grundstücke des ehemaligen Kinderheimes Niederbreisig veräußert und es zeigte sich, dass das Angebot des gesamten Grundbesitzes an die Gemeinde Niederbreisig in Höhe von 1.100.000 DM gar nicht zu sehr überzogen gewesen war, auch wenn dieser Betrag nicht ganz erreicht wurde.

Die Sicherung des Vermögens war damit geglückt. Unbefriedigend aber war, dass die Hauptaufgabe, nämlich der Neubau eines Kinderheimes, immer noch nicht in Angriff genommen werden konnte. Einmal war es sehr schwer, ein geeignetes Grundstück am Stadtrand von Köln zu finden. Zum anderen nahm die Zahl der Heimkinder immer mehr ab, teils weil die Zahl der Geburten sich verringerte, teils weil die Jugendämter immer mehr Kinder in Pflegestellen geben konnten, teils aber auch, weil die öffentliche Meinung durch die Medien so negativ gegen die Heimerziehung beeinflusst wurde, dass an den Bau neuer Kinderheime nicht mehr gedacht werden konnte.

Trotzdem benötigte man nach wie vor Heime für eine besondere Gruppe von Kindern, die nicht in Adoptions- oder Pflegestellen vermittelt werden konnten. Es handelte sich um sozial geschädigte, verhaltensauffällige, in Heim und Schule sehr schwierig zu behandelnde Kinder, welche im Elternhaus nicht mehr verbleiben konnten, in einer so genannten normalen Heimfamilie aber auch nicht zu tragen waren, kurz um Problemkinder, welche einer gezielten heilpädagogischen Behandlung bedürfen.

Mit Hilfe von Herrn Hellwig wurden vom Liegenschaftsamt mehrere Grundstücke angeboten. Geeignet war jedoch nur ein Grundstück in Köln-Höhenberg mit einer Größe von 33.000 qm. Bevor es aber zum Kaufvertrag kam, beschloss der Rat der Stadt Köln, dass an dieser Stelle eine Gesamtschule gebaut werden sollte. Damit war auch das Grundstück nicht mehr zu erwerben. Nun wurde nach anderen Möglichkeiten außerhalb der Stadt Köln Ausschau gehalten.

Der Heilpädagogische Arbeitskreis

Heilpädagogisches Kinderheim EisenschmidtInzwischen hatten die Psychologen Laimer und Wilmanns von der Heimerziehungsberatungsstelle im Kinderheim Köln -Sülz einen heilpädagogischen Arbeitskreis gebildet und waren auf ein leer stehendes Erholungsheim in Eisenschmitt/Eifel aufmerksam geworden. Sie beschlossen, dort ein heilpädagogisches Heim zu eröffnen und 16 verhaltensauffällige Jungen aufzunehmen und zu betreuen.

Da es den Mitgliedern des Arbeitskreises jedoch an Erfahrung fehlte, wurden wichtige Aspekte nicht beachtet und bei der Belegung und Betreuung so schwerwiegende Fehler gemacht, dass das Heim zunächst wieder geschlossen werden musste, bis die Auflagen der Heimaufsicht Trier erfüllt waren.

Heilpädagogisches Kinderheim EisenschmidtDie Situation besserte sich erst, als Herr Erwin Wulf, der als Sozialarbeiter ca. zwei Jahr in einem heilpädagogischen Heim gearbeitet hatte und 1970/71 zusätzlich eine heilpädagogische Ausbildung in Düsseldorf absolvierte, die Leitung des Heimes am 1.7. 1968 übernahm. Trotzdem blieb das Ganze ein Provisorium, welches die Arbeit ungemein erschwerte.

Der Zusammenschluss

In dieser Situation sah der Vorstand des RWFV die Möglichkeit der Zusammenarbeit. Der RWFV schlug vor, mit seinem Vermögen ein Heim zu bauen. Der Arbeitskreis sollte das bis Personal stellen und die heilpädagogische Betreuung der Kinder übernehmen. Gemeinsam wurde nun nach einem geeigneten Grundstück oder Projekt Ausschau gehalten. Unter mehreren Anboten, welche zum Verkauf standen, erschien die alten Jugendherberge in Eitorf geeignet. In jeder der drei Etagen konnte eine kleine Gruppe von sechs bis acht Kindern untergebracht werden. Die schulischen Verhältnisse waren wegen ihrer Vielschichtigkeit optimal.

Für das Personal schien die Möglichkeit der Weiterbildung in Köln oder Bonn realistisch.

Das Haus

JugendherbergeAuf Initiative örtlicher Verfechter einer modernen Musterherberge wurde die Jugendherberge in Eitorf in den Jahren 1927 bis 1929 vom Gau Rheinland im Reichsverband für deutsche Jugendherbergen erbaut und am 10.06.1929 unter Teilnahme zahlreicher Prominenter aus dem Köln-Bonner Raum eingeweiht. Mit ihren 80-100 Betten wurde sie bald zu einem beliebten Ziel für Wandergruppen und Klassenfahrten und auch ein gern besuchter Tagungsort. Die geografisch und verkehrsmäßig günstige Lage sowie vorzügliche Herbergseltern trugen wesentlich dazu bei, dass bald 17-18.000 Übernachtungen im Jahr gezählt werden konnten.

Im zweiten Weltkrieg diente die Jugendherberge als Standortlager des weiblichen Arbeitsdienstes. Die unter der Bezeichnung Arbeitsmaid bekannten Mädchen waren überwiegend als Ernte- und Haushaltshilfen eingesetzt. Von Kriegseinwirkungen blieb die Jugendherberge – trotz der mehrmaligen Bombardierung Eitorfs – verschont. Da aber das Krankenhaus am 8.3.1945 zerstört wurde, musste die Jugendherberge bis 1950 als Not- und Übergangskrankenhaus in Anspruch genommen werden.

Nach der Räumung im Frühjahr 1950 wurde sie dann gründlich überholt und 1956/57 durch eine Fahrradhalle ergänzt, da das Radwandern nach dem 2. Weltkrieg stark zugenommen hatte und eine sichere Unterbringung des“ Autos des kleinen Mannes“ gewährleistet werden sollte. Sie erreichte allerdings nicht mehr die Bedeutung der ersten Jahre nach der Gründung und wurde 1969 als Jugendherberge aufgegeben, u.a. auch deshalb, weil sich die Ansprüche an Unterbringung und sanitäre Einrichtungen inzwischen deutlich verändert hatten.

Aus der Festschrift zum 25jährigen Bestehen von Haus Eichenhöhe

Das Heilpädagogische Heim

HausIm Herbst 1972 wurde die Jugendherberge gekauft und Herr Architekt T. Wichterich aus Köln mit der Planung des Umbaues beauftragt. Die Umbaukosten betrugen zunächst „nur“ 360.000 DM. Während der Bauarbeiten stellten sich jedoch so große Mängel an dem 1924 errichteten Bau heraus, dass praktisch nur der Rohbau übrig blieb und sich die Umbaukosten verdoppelten. Das Land Nordrhein-Westfalen beteiligte sich mit einem Darlehen von 50% an den Baukosten, weil aus der Sicht des Landesjugendamtes in Köln ein Heim mit gezielter heilpädagogischer Betreuung dringend notwendig war.

Kinderheim vor RenovierungAm 1. Februar 1974 konnte das Heim eröffnet werden und 16 Kinder und das Personal von Eisenschmitt nach Eitorf umziehen. Herr Wulf übernahm die Heimleitung, Fräulein von Kerckerinck die psychologische Betreuung und Herr Bühler die Leitung einer Gruppe. Zur Abgrenzung der beiderseitigen Kompetenzen wurde zwischen dem RWFV als Träger und den Mitarbeitern ein Vertrag abgeschlossen und damit den Heimerziehern ein Mitspracherecht eingeräumt und eine selbstständige Verantwortung übertragen.

Kinderheim vor RenovierungObwohl es anfangs große Schwierigkeiten mit der Bevölkerung gab, die Schulen sich über die Kinder beschwerten und den Erziehern mangelnde Augsicht und Erziehung vorwarfen, ist es Herrn Wulf und seinen Mitarbeitern gelungen, Verständnis für die Kinder zu wecken, so dass diese schwere Phase überstanden ist.

Wie wohl sich die Kinder fühlen, geht aus Briefen hervor, welche manche nach ihrer Entlassung schreiben. Schon nach wenigen Jahren durfte festgestellt werden, dass das Werk gelungen ist und die heilpädagogischen Erfolge erfreulich waren.

MannebachDiese Erfolge unserer Mitarbeiter ermutigten den Vorstand, das Heim um ein dringend notwendiges Therapiegebäude zu erweitern, dessen Pläne gemeinsam erarbeitet, dessen Finanzierung gesichert und mit dessen Bau am 28. August 1979 begonnen wurden. Das Gebäude wurde am 1. September 1980 bezogen. Damit sind die Erwartungen des Herrn Mannebach, das Vereinsvermögen im Sinne des § 2 der Satzung für den Bau und die Unterhaltung „eines Heimes für heimbedürftige Kinder und Jugendliche zu verwenden, erfüllt. Leider hat er selbst nur noch die Anfänge in Eitorf miterlebt. Am 5.10.1974 starb er. Aus Dankbarkeit für seine jahrzehntelangen selbstlosen und erfolgreichen Bemühungen um den Verein erschien es dem Vorstand und den Mitgliedern angemessen, ihm im Heim ein bleibendes Andenken zu setzen. Im Treppenhaus wurde ein Relief angebracht, welches von der Kölner Künstlerin Baumeister-Bühler, einem Mitglied der Kölner Dombauhütte, geschaffen wurde.

Therapiehaus 1980Am 1. Mai 1980 wurde das Haus Siegstraße 107 in Eitorf angemietet, in dem die Jugendlichen untergebracht wurden, welche die Schule verlassen und das Berufsleben begonnen hatten. Zusammen mit 2 Erziehern bildeten sie eine Wohngemeinschaft. Sie versorgten sich selbst und sollten so in die Lage versetzt werden, nach Abschluss der Lehre „auf eigenen Füßen zu stehen“. Inzwischen befindet sich in dem Gebäude die eine dritte Intensivgruppe mit besonderem pädagogisch-therapeutischem Schwerpunkt.

Josef Abeln, überarbeitet und ergänzt von Anke Weiß

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